Immer in Bewegung bleiben

Draußen ist es dunkel, kalt und nass. Der Regen prasselt laut gegen unsere Dachfenster. Ich liege mit meinem Milchkaffee im Bett und denke über das Aufstehen nach. Es ist Zeit für das wöchentliches Sportprogramm mit der Nachbarin – danach darf ich mich im Homeoffice entspannen. Ich ziehe mir die Decke über den Kopf und will nicht, heute nicht. Nöööö!

Aber da sitzt das schlechte Gewissen auf der Bettkante, schubst und drängt mich und kämpft gegen den inneren Schweinehund. Ich habe genug von dem Kampf und stehe jetzt einfach mal auf. Mit viel Kraft robbe ich mich aus dem kuschelig-warmen Bett. Meine Gelenke knirschen und knacken. Ich friere (wer zum Teufel macht nachts im Schlafzimmer das Fenster auf? Bei gefühlten minus 10 Grad!).

Neben mir liegt der allerbeste Ehemann und schläft

Meine Sportklamotten sind auch nicht dort, wo sie sein sollten. Neben mir liegt der allerbeste Ehemann und schläft friedlich. Wieso macht der denn nicht seinen Sport? Nach dem Fitnessplan, den er mir gestern noch ausführlich erklärt hat …

Aber ich werde es tun, gleich. Irgendwo habe ich gelesen, dass man sich vorstellen soll, wie man sich nach dem Sport fühlt. Als Motivation sozusagen. Ich stelle mir vor, dass ich verschwitzt und erschöpft nach Hause komme. Dass ich dann duschen muss und viel zu spät zur Arbeit komme. Und noch müder bin. Tolle Motivation.

Der Nachbarin ist „fröstelig“

Leider bin ich mit meiner Nachbarin verabredet, kann also nicht einfach so kurzfristig absagen. Oder doch? Ich suche lange nach einem Grund und finde keinen. Dafür tauchen die Sportsachen wieder auf, die hatte ich wohl extra rausgelegt. Vorsichtshalber ziehe ich mehrere Schichten übereinander, ich will auf keinen Fall frieren. Allein das Anziehen ist schon Sport, ich bekomme Hitzewallungen.

Ich will jetzt endlich raus. Und dann, „pling“, textet die Nachbarin. Sie komme heute nicht zum Sport. Ihr sei „fröstelig“ und bei dem Gedanken an das Draußen werde ihr richtig kalt. Punkt. Ich versuche es mit Motivation („denk doch mal an das Hinterher, dir wird ganz schnell warm, … wir sind doch verabredet, … willst du nicht doch mitkommen?“). Keine Antwort. Ihr Handy hat wohl einen ausgeklügelten Ausblendmodus für Motivationsnachrichten.

Alle sind viel sportlicher als ich

Ich muss jetzt los. Mir ist es viel zu warm. Beim Laufen denke ich darüber nach, wie es anderen geht. Ich gehe meinen Bekanntenkreis durch und finde: Die sind alle ganz schön sportlich. Da ist die Bekannte, die regelmäßig Marathons läuft, mit über fünfzig! Oder die Freundin, die mich ständig mit Wandertour-Ideen bombardiert. Und der Mann meiner Freundin, der morgens um sechs Uhr durch den Bürgerpark läuft, Brötchen holt und sich danach nicht mehr ins Bett legt, sondern frühstückt!

Unglaublich! Muss ich da mitmischen? Was habe ich davon, außer Schwitzen und Schnaufen? Ich laufe jetzt schneller, will einfach nur nach Hause.

Im Zwiegespräch mit dem Graureiher

Und dann sehe ich ihn, den Graureiher. Er steht am Kanal, majestätisch und gelassen. Wir unterhalten uns, wie immer. Also ich erkläre ihm, wie müde ich bin und dass ich eigentlich gar nicht laufen wollte, und dann die Nachbarin … Er lässt den Blick schweifen, als wüsste er schon. So viel Verständnis tut mir einfach gut. Entspannt laufe ich zurück und treffe kurz vor meinem Ziel eine andere Nachbarin. „Wie toll, dass du das machst – soooo sportlich!“, ruft sie mir begeistert hinterher.

Ich bin jetzt richtig motiviert und sprinte das letzte Stück. Vielleicht könnte ich auch mal einen Marathon laufen? Durchgeschwitzt komme ich zuhause an, trinke noch schnell einen Kaffee und lese die neusten Wandertour-Vorschläge meiner Freundin. Sie plant eine Hüttentour durch die französischen Alpen. Gar nicht schlecht, die Idee, das schau ich mir mal genauer an. Was der Graureiher wohl dazu sagen würde, wenn ich mal ein paar Wochen nicht vorbeilaufe.

Die Nachbarin hat inzwischen auch auf meine Motivationsnachrichten geantwortet: Mehr als „Nöööö!“ kommt da allerdings nicht.

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