
Es ist mal wieder soweit, wir machen uns mit Rucksack und Wanderstiefeln auf den Weg. Knapp 12 Tage haben wir dieses Mal, wir wollen in die Bretage, an die Côte d’Iroise. Der Tipp kommt von der Schwester meiner Freundin, die war dort mit dem Auto und ganz begeistert von der Gegend. Wir recherchieren und finden sehr schnell eine Mehrtagestour vom Office de Tourisme, die uns als Grundlage dient. Die Strecken bauen wir etwas um, denn wir wollen direkt in Brest loslaufen.
Klar ist: wir fahren mit dem Zug und auch das passt, denn wir können die Tour direkt in Brest starten und Brest ist zumindest an einem Tag von Norddeutschland aus erreichbar. Wenn die deutschen Züge pünktlich ankommen … Aber wir sind ganz optimistisch.
Tag 1: Anreise und Ankommen

Morgens um halb 9 geht’s los, ganz entspannt mit genug Frühstück im Gepäck steigen wir in den ICE nach Köln. Und der kommt tatsächlich pünktlich an. Jetzt noch schnell einen Kaffee kaufen und auf geht’s nach Paris. Yeah! Und auch der nächste Abschnitt klappt gut: Am Nachmittag kommen wir pünktlich am Gare du Nord an. Kerstin hat mich am Abend zuvor schon mit ihrer Idee überrascht, dass wir doch mit dem Leihrad durch Paris zum Bahnhof Montparnasse fahren könnten. Coole Idee, finde ich, also suchen wir am Bahnhof einen Fahrradverleih. Wir haben zwei Stunden, dass müsste doch zu schaffen sein. Auf Metro haben wir keine Lust, es ist Sommer und wir wollen doch mal sehen, ob das Radeln in Paris wirklich so cool ist. Schließlich gibt es in der französischen Hauptstadt zahlreiche Radwege und autofreie Viertel.
Unser Plan geht nicht auf, ich verschone euch mit Details. En bref: Es dauert ewig, bis wir einen Verleih finden und das System durchschauen (App runterladen ohne WLAN etc.) und finden die Idee, mit einem eBike + Rucksack auf dem Rücken durch die 12-Millionen-Stadt zu rasen dann doch nicht mehr so attraktiv. Inzwischen haben wir nicht mehr ganz so viel Zeit und machen uns auf zur Metro durch die französischen U-Bahn-Schächte, kaufen (ungültige) Fahrkarten für den Bus, tauschen sie um und sitzen irgendwann doch in der richtigen Metro und schließlich im TGV nach Brest. Puuh.

Abends um 20:30 Uhr kommen wir an. In Brest nieselt es, aber wir sind gut gelaunt und laufen beschwingt zu unserem kleinen Hotel. Zimmer mit Blick auf Baustelle, im Erdgeschoss laute Bargeräusche. Auch das hat keinen Einfluss auf unsere Laune und nach dem Einchecken inspizieren wir direkt die Hausbar „Le geule de bois“. Hier gibt’s 80er Sound mit Karaoke. Und Bier. Also krame ich mein Französisch heraus und bestelle ein lokales Bier. Es gibt 16 lokale Sorten, sagt die coole Barfrau. Ich oute mich sprachstammelnd als Nicht-Bierkennerin und darf aus kleinen Gläschen probieren. Und schon sind wir mitten im Leben. Bienvenue en France!
Tag 2: Von Brest nach Plouzané (Petit Minou)

Nach dem Frühstück brechen wir auf, schon wieder Nieselregen. Ich lese nach, dass die Gegend um Brest die regenreichste der sowieso schon regenreichen Bretagne ist. Es regnet deutlich häufiger als in meiner Heimatstadt Hamburg. Na, super. Immerhin ist es warm. Also kaufen wir Proviant und machen uns auf den Weg.
Brest bei Nieselregen
In Bremen hatten wir noch die Idee, ein Stück mit dem Bus raus aus der Stadt zu fahren, aber dann wollen wir einfach loswandern. Rüber über die Pont de Recouvrance – übrigens eine der größten Zugbrücken Europas. Das lese ich später nach. Wir stehen und staunen, denn von hier aus hat man auch bei Nieselwetter einen tollen Blick auf den Hafen von Brest.
Die Stadt ist nicht wirklich schön, sie wirkt funktional und kühl, nur die Innenstadt wurde 1944 von den Bomben verschont. Immerhin gibt es eine Seilbahn über den Meeresarm Penfeld und auch das Kulturzentrum „Les Atelier les Capucins“, ein historisches Kultur- und Kunstzentrum scheint ein spannender Ort zu sein. Wir überlegen kurz, ob wir einen Umweg gehen, aber dann wollen wir einfach direkt raus aus der Stadt, Richtung Westen auf den GR 34.

Allerdings müssen wir zunächst bestimmt eine Stunde an der „zone militaire“ entlanglaufen. Vom Meer sehen wir nicht sehr viel, dafür hohe Stacheldrahtzäune, die die Marinebasis abschotten und übrigens auch den weltweit größten U-Boot-Bunker … Kein schöner Anblick! Viele der historischen Marineanlagen werden übrigens bis heute militärisch genutzt. Auf unserer Wanderung werden wir auch an den anderen Tagen immer wieder an die militärische Vergangenheit der Stadt erinnert!


Dann aber kommen wir endlich an die Küste und haben einen offenen Blick auf Meer und Felsen! Wir trinken unseren ersten Kaffee im Bistrot Maison Blanche. Hier trudeln so nach und nach immer mehr Franzosen zum Mittagessen ein – aber für uns ist noch keine Zeit für eine lange Pause. Wir laufen den Küstenwanderweg vorbei am Phare du Portzic mit Blick auf die Halbinsel Crozon. Schön!
Die Strecke ist abwechslungsreich und ganz schön hügelig. Mal laufen wir durch waldige Abschnitte und dann öffnet sich plötzlich wieder der Blick auf das Meer. Genau so haben wir uns das vorgestellt. Am späten Nachmittag kommt sogar die Sonne durch – wie toll! Gegen Abend erreichen wir den Leuchtturm von Petit Minou – im Gegenlicht sehen wir den kleinen Steinbogen und können gar nicht mehr aufhören zu staunen und zu fotografieren.


Jetzt ist es nicht mehr weit zu unserem Studio, wir müssen nur ein kleines Stück die Straße rauflaufen. Das war eine schöne erste Wanderung – wir freuen uns schon aufs Essen im „Mille et Une Lunes“. Das Restaurant liegt ganz nah an unserer Unterkunft und hat super Bewertungen. Also schnell unter die Dusche und los geht’s mit knurrendem Magen.
Aber dann stehen wir vor verschlossenen Türen, an der Scheibe klebt ein eindeutiger Zettel „Fermé“. Oh nein! Wo sollen wir denn jetzt was zu Essen herbekommen? Wir fragen ein Paar, das gerade ins Auto steigt. 4-5 Kilometer entfernt gäbe es einen Supermarkt. Äh, wie sollen wir da hinkommen? Ratlos schauen wir uns an, während uns das Paar uns noch fröhlich „bonne chance“ hinterherruft.

Und dann geschieht ein kleines Wunder: Ein älteres Paar läuft direkt auf das Restaurant zu und schließt die Tür auf, das müssen die Inhaber sein! Wir schütteln unsere Schockstarre ab und fragen höflich, ob sie jetzt öffnen. Non, leider nicht. Heute ist geschlossen, wir öffnen erst nächstes Wochenende. Und dann schauen wir wohl so verzweifelt, dass sie wissen wollen, was unser Problem ist. Naja, wir haben Hunger. Sind 16 Kilometer gelaufen und haben uns auf das Essen gefreut. Attendez, wir bringen ihnen ein bisschen Brot und Käse. Sagen es und verschwinden ins Haus. Und kommen mit einer prall gefüllten Papiertüte zurück: Selbst gebackenes Brot, Käse, Tomaten aus dem Garten, Pilzpaste, Melone, Wein … Wir sind sprachlos. Und noch sprachloser, als die beiden absolut kein Geld haben möchte. Welche wunderbare Gastfreundschaft! Wir plaudern noch ein wenig und erfahren, dass das Restaurant ein ganz besonderes ist – hausgemachte frische regionale Gerichte, originell und kreativ zubereitet. Wow – das hätten wir gern ausprobiert. Der „Chef“ ist Geologe, in der Küche tobt er sich kreativ aus – es ist wirklich so schade, dass es geschlossen ist!
Wir laufen zurück in unser Studio, tischen auf, freuen uns den ganzen Abend über unser Glück und überlegen, wir wir uns angemessen bedanken. Wir entscheiden uns für eine herzlichen Dankeschön-Karte, die wir am nächsten Morgen in den Briefkasten werfen werden.
Tag 3: Vom Phare du Petit Minou nach Plougonvelin

Die Sonne scheint! Und es ist so warm, dass wir auf unserer kleinen Terrasse frühstücken – wir haben nämlich noch leckere Reste von unserer abendlichen Spende, und Tee gibt es sowieso.



Heute laufen wir nach Plougonvelin. In dem Ort scheint es zumindest mehr als ein Restaurant zu geben, wir müssen uns also keine Sorgen machen. Die Strecke ist kurz (circa 10 Kilometer lang), also alles ganz entspannt. Schnell noch die Danke-Karte einwerfen und schon geht es die Treppen hoch auf den GR 34, der hier überall als Sentier Côtier gekennzeichnet ist. Der Küstenwanderweg ist wirklich gut ausgeschildert, eigentlich brauchen wir die Navigations-App nur sehr selten. Wir müssen nicht lange laufen, da sehen wir die nächsten Bunkerreste – die Betonklötze werden uns auf dem gesamten Küstenabschnitt begleiten. Diese hier sind mit bunten Grafittis bemalt und teilweise schon von der Natur vereinnahmt. Hässliche Bauwerke und gleichzeitig Mahnmale, die an einen umkämpften Küstenabschnitt erinnern.
Wir haben eine richtig gute Sicht auf die Halbinsel Crozon, ständig bleiben wir stehen und staunen. Wow, was für Farben und welch tolle Blicke!

Übrigens verlief Ende des 19. Jahrhunderts unterhalb unseres Wanderweges eines der längsten Telegrafenkabel der Welt: 5.878 Kilometer Kabel wurden 1898 zwischen Brest und Massachusetts in den USA verlegt.
Am Nachmittag erreichen wir Locmaria-Plouzané, ein kleines Hafenörtchen mit einer hübschen Crêperie mit Blick auf die Bucht. Fröhlich setzen wir uns auf die Terrasse, um gleich wieder verscheucht zu werden. Nein, wir haben nicht reserviert. Einen Kaffee gäbe es auch nebenan im Café, erklärt uns die leicht genervte Bedienung. Dort ist es a) nicht halb so hübsch und b) gibt es dort nur Waffeln, die nicht nur megasüß sind und nach Fritteusenfett schmecken, sondern auch noch den Zuckerbedarf unseres des gesamten Urlaubs decken. Und der Kaffee? Bäh.

Aber jetzt ist der Zeitpunkt um ins Meer zu springen: Also raus aus den Wanderstiefeln und rein in die Fluten. Sehr eisig und sehr schön, zumindest hinterher.
Erfrischt machen wir uns auf den Weg. Jetzt ist es nicht mehr weit bis zu unserem Ziel. Die letzten 20 Minuten laufen wir direkt am Strand entlang, wunderbar! Am frühen Abend erreichen wir unsere Unterkunft in Plougonvelin – dort schlafen wir im Gartenzimmer (düster) mit Holzterrasse, die zur Hälfte (naja fast) von einem Riesengrill eingenommen wird.
Haben Sie reserviert?
Madame ist sehr gesprächig und verspricht uns ein reichhaltiges Frühstück. Und gibt uns den Tipp, ein Restaurant fürs Abendessen zu reservieren. Wir ignorieren ihren Ratschlag, laufen frisch geduscht in den Ort und steuern das nächste Restaurant an. Da ist sie wieder, die Frage dieser Reise: Haben Sie reserviert? Nein! Kurzes Stirnrunzeln und dann bekommen wir einen guten Platz. Geht doch. Und es gibt Miesmuscheln, ich bin begeistert. Kerstin nicht so, die steht nicht auf Meeresgetier. Aber probieren will sie doch mal. Nö, das wird nicht ihr Leibgericht.
Tag 4: Von Plougonvelin nach Le Conquet

Nun also das Frühstück, das Madame uns in einem Körbchen vor die Tür gestellt hat: selbst gemachte Marmelade, Zitronencreme, warme Brioches, frisch gepresster O-Saft, aufgerollte Crêpes, Salzkaramellcreme … Nicht so schlecht! Dennoch sind wir froh, diesen etwas düsteren Ort zu verlassen. Wir luken noch kurz in den Eingang unserer Vermieterin, aber es sieht aus, als sei niemand zu Hause. Eine Klingel gibt es auch nicht. Also hinterlassen wir alles ganz ordnungsgemäß und laufen wieder runter in den Ort.
Heute ist Markttag: unsere Gelegenheit, ein wenig Obst und Gemüse zu kaufen. Und natürlich Fromage! Während wir in der Käseschlange stehen, bekomme ich einen Anruf, unbekannte Nummer. Nö, da gehe ich mal nicht ran. Und dann kommt eine Nachricht von Madame: Warum wir uns nicht abgemeldet haben, wir hätten klopfen können … normalerweise laufen Abreisen so nicht ab … Uuh, so ein Mist, alles falsch gemacht. Ich erkläre ihr, dass wir sie nicht stören wollten und entschuldige uns. Worauf hin sie noch diverse Nachrichten schreibt. Da ist wohl der Wurm drin.
Aber wir wollen uns den schönen Morgen nicht verderben lassen und laufen endlich los Richtung Westen nach Le Conquet. Vorher kauft jede noch schnell eine Kette mit dem typisch bretonischen Anhänger, ein bisschen Souvenir muss sein.
Der Weg ist wunderschön: Zerklüftete Felsnasen lassen die Wellen brechen, immer wieder haben sich natürliche Landzungen gebildet. Auf einer dieser Landspitzen befinden sich die Ruinen der denkmalgeschützten Benediktinerabtei Saint-Mathieu de Fine-Terre. Direkt nebenan steht der Phare de Saint-Mathieu, das Wahrzeichen des Finistère. Um diesen zu errichten, so lese ich nach, mussten sogar Teile der Ruine der alten Abteil abgerissen werden!
Von Leuchtturm zu Leuchtturm
Übrigens sind wir hier auf der Route des Phares, der Leuchtturmroute: Allein an der Iroise-Küste gibt es etwa zwanzig Leuchttürme, drei von ihnen dürfen besichtigt werden. Das besondere an diesem Küstenstrich sind nämlich auch die gefährlichen Riffs, die riesigen Wellen und die starken Strömungen, umso wichtiger war und ist es, die Seewege zu markieren und zu sichern. So sind auf dem Weg zum Leuchturm elf Gedenktafeln auf Granitblöcken angebracht, die an die Seeleute erinnern, die hier gestorben sind.



Auf der Website vom Patrimoine Iroise finden sich nicht nur zahlreiche Infos über die Leuchtürme der Iroise See, sondern auch Fotos der architektonischen Besonderheiten – denn kein Leuchtturm gleicht dem anderen!
Wir könnten hier ganz viel Zeit verbringen, denn auch das Kloster ist ein sehr spannendes Bauwerk. Aber wir müssen uns jetzt erst einmal stärken und trinken im Garten des Museumscafés einen richtig leckeren Capucchino, dazu gibt es Käse, Tomaten und Obst vom Markt und übrig gebliebenes Frühstücksbaguette. Und dann zeigt sich auch noch die Sonne – perfekt!
Nach dieser ausgiebigen Pause geht es weiter. Die Landschaft wird offener, weniger schroff und ab und zu blüht es zwischen den Felsen. Der blaue Himmel taucht die ganze Welt in ein tolles Licht. Kurz vor Le Conquet laufen wir an verschiedenen Sandstränden vorbei, wir müssen einfach ins Wasser – formidable!


Gegen Abend erreichen wir den Hafen von Le Conquet: Gerade kommt eine Fähre von einer der Inseln, vermutlich der Île de Ouessant und die Wochenendurlauber:innen machen sich auf den Weg nach Hause – die haben es bestimmt auch nett gehabt! Der Ort gefällt uns auf Anhieb: die uralten Steinhäuser, der geschützte Hafen, die weite Mündung – kein Wunder, dass die Franzosen ihr den Titel Cité de Caractère verliehen haben!

Aber es ist schon spät und wir haben mal wieder Hunger und müssen auch noch auf die andere Seite der Mündung. Also kehren wir direkt in ein nahes Restaurant ein und es gibt – Crevetten! Und nichts anderes! Tja, die arme Kerstin ist mal wieder gefordert 🙂 So sitzen wir auf der Terrasse, pulen an den Garnelen (oder sind es vielleicht Shrimps?) herum, trinken ein kühles Bier und sind rundum zufrieden mit dem Tag.
Jetzt müssen wir nur noch auf die andere Seite des Meeresarmes in unsere Unterkunft. Dafür laufen wir über die 200 Meter lange Fussgängerbrücke – die Passerelle du Croaë – zur Halbinsel Kermorvan. Es ist Ebbe und wir staunen über die vielen Meeresvögel, die im Watt auf Futtersuche sind. Wir kennen nur wenige, auch wenn die Schautafel uns auf die Sprünge helfen sollte.



Nach diesem wunderschönen Abendspaziergang landen wir in unserer Unterkunft, wo wir frisch geduscht auf diesen wunderbaren Wandertag zurückblicken.
Tag 5: Von Le Conquet nach Lampaul-Plouazel

Ausgeschlafen laufen wir erstmal wieder zurück über die Brücke in den Ort zum Frühstück. Mist, es ist schon wieder Ebbe. Ich würde ja zu gern mal sehen, wie die wilden Wellen gegen die Brückenpfeiler krachen. Aber dafür braucht es vermutlich echten Sturm und kein mildes Spätsommerwetter. Am Ende der Brücke grüßt uns ein gut gelaunter Fahrradfahrer, den wir dann auch in unserem Frühstückscafé wieder treffen.

Kurz kommen wir ins Gespräch, er kommt aus den Niederlanden und ist schon wochenlang auf Tour. Wann muss er zurück? „Gar nicht“, erklärt er, er habe keine Verpflichtungen. Und – by the way – ob wir eigentlich Freddy Quinn kennen würden? Das sei ja Kult. Sagt es und fängt an zu singen! Fast fällt uns das Croissant aus dem Mund. Wir kichern fröhlich vor uns hin und fangen direkt auch an zu singen, Freddy Quinn gehört allerdings nicht zu unserem Repertoire. Diese spontanen Begegnungen liebe ich besonders an unseren Touren!
Nach einer kurzen Verwirrung meinerseits laufen wir kurz in die falsche Richtung und sind dann schließlich doch auf dem richtigen Pfad nach Lampaul. Vor uns liegt ein endlos weiter Strand, über dem sich graue Wolken auftürmen. Wir laufen entlang der zweieinhalb Kilometer langen Plage des Blanc Sablons. Bis auf ein paar Surfer scheint hier niemand zu sein.

Die Regenjacken hätten wir uns sparen können – hier ist einfach genug Wind, der die dunklen Wolken schnell wieder verscheucht. Unsere Mittagspause verbringen wir in der nächsten Bucht bei Ploumoguer (warum beginnen eigentlich fast alle Orte hier mit „Pl“?): einmal kurz ins eiskalte Wasser und dann Restsandwich mit Möwenbesuch. Und wieder ein kurzer Nieselregen … Das schöne an diesen Wetterwechseln: Mit dem dramatischen Himmel sieht die Landschaft noch beeindruckender aus, sind die Kontraste von Meer, Stränden und Küste stärker und das Wasser leuchtet karibisch grün. Ständig bleiben wir stehen und schauen. Es ist einfach so schön, immer am Meer entlang zu laufen.



Inzwischen hat sich die Landschaft wieder verändert: Statt über steinige Wege laufen wir jetzt auf Sandwegen durch eine weite Dünenlandschaft. Auch hier fällt die Küste schroff ab und immer wieder zeigen sich weite weiße Sandstrände. Wir sind an der Pointe de Corsen, dem westlichsten Punkt des französischen Festlands.
Am frühen Abend kommen wir in Lampaul-Plouarzel an und suchen uns gleich mal ein Restaurant. Vorher klären wir noch mit unserer Gastgeberin, dass wir auch später kommen dürfen und sitzen dann ganz entspannt in der Auberge du Môle mit Blick auf die Plage de Porspaul. Natürlich sind wir in einem Fischrestaurant, aber dieses Mal ist die Auswahl größer und Kerstin wählt entspannt die Fischplatte. Und dann kommt ein Teller mit … Muscheln! Aber – keine Panik, darunter verbirgt sich leckerer Fisch auf Gemüsebett. Der Nachtisch musste auch sein, schaut selbst, es hat sich gelohnt! Das ist hier ja kein Foodblog und ich mache keine Werbung, aber dieses Essen ist wirklich sehr lecker.


Nach diesem fulminanten Mahl müssen wir nur noch zu unserer Unterkunft oberhalb des Ortes. Wir sind uns einig, das ist bisher eine der schönsten Unterkünfte unseres Urlaubs, geschmackvoll eingerichtet, es duftet frisch und unsere Vermieterin ist sehr nett. Es ist ja immer wieder spannend, wo wir landen. Wir haben zwar alles vorab gebucht, aber eher spontan entschieden und vor allem darauf geachtet, dass wir nah an dem GR 34 bleiben. Das Angebot ist übrigens gut. Wer von Ort zu Ort läuft, findet sicher auch noch spontan freie bezahlbare Zimmer.
Tag 6: Von Lampaul-Plouazel nach Brelès

Es ist gut, dass wir eine so nette Unterkunft haben und dass wir mit Frühstück gebucht haben, denn am nächsten Morgen gießt es in Strömen. Wir lassen uns also Zeit und unterhalten uns ausführlich mit der Tochter unserer Vermieterin. Dieses Frühstück ist so richtig nach unserem Geschmack, es gibt nicht nur Süßes, der Kaffee schmeckt, wir bekommen sogar Rühreier von den Hühnern aus dem Garten. Wow, so kann der Tag beginnen.
Und tatsächlich: Gegen 11 Uhr hört es auf zu regnen und wir machen uns auf den Weg. Heute laufen wir nur ganz kurz am Meer entlang und dann gilt es auf die andere Seite des nächsten Meeresarmes – dem Aber Ildut – zu kommen. Und das geht nur, indem wir kilometerlang am Ufer entlang laufen! Hier gibt es keine Brücke und selbst bei Ebbe würden wir wohl nicht abkürzen können. Immerhin kommt die Sonne wieder durch!
Der Weg am Aber entlang gehört übrigens auch zu der normalen GR 34-Route. In einer Routenbewertung lese ich: „Ein reizvoller Weg am Ufer des Aber Ildut. Hier sind Vögel zu sehen.“ Ja, so könnte man es zusammenfassen ;-). Etwas ausführlicher: wir passieren felsige Uferabschnitte, laufen durch hügelige Eichen- und Kastanienwälder und dann öffnet sich die Landschaft plötzlich und wir sind an einem Feldrand. Der Aber ist kein sehr breiter Fjord, sondern eher ein mäandernder Meeresarm und jetzt bei Hochwasser wirkt er eher wie ein Fluss. Wir bleiben oft stehen und bewundern die Landschaft (inzwischen ist der Himmel wieder knallblau). Während es hier sehr einsam ist, sehen wir auf der anderen Aber-Seite kleine Häfen und hübsche bretonische Gebäude. Dort werden wir morgen zurück zum Meer wandern!



Heute übernachten wir in Brélès, einem kleinen bretonischen Dorf mit wenigen Hundert Einwohner:innen. Als wir ankommen ist kein Mensch auf der Straße, zwar gibt es eine Bar Tabac, aber die ist wohl auch geschlossen. Das Gîte des Pingouins ist eine Art Backpacker-Wander-Biker-Unterkunft mitten im Ort, sauber und einfach. Wir kommen am Nachmittag an und bekommen gleich mal ein Frühstückskörbchen mit Kaffeepulver und Milch für den nächsten Tag. Und Weckgläser mit Gemüsepamps für die Mikrowelle – denn wir haben auch das Abendessen gebucht. Tja. Es muss ja nicht immer frischer Fisch sein. Immerhin gibt’s zwei Biere dazu. Nachdem wir unser frugales Mahl verspeist haben, machen wir noch eine Runde durch den Ort und besichtigen die Église Saint-Paul-Aurélien. Der Kirchhof gehört immerhin zum bretonischen Kulturerbe.



Außerhalb des Ortes gibt es noch ein Renaissance-Schloss, aber das lassen wir mal aus. Entspannung ist angesagt.
Tag 7: Von Brélès nach Porspoder

Wir schlafen gut in den schmalen Jugendherbergsbetten und frühstücken mit einer Gruppe französischen Biker in der Gemeinschaftsküche. Ich glaube, wir retten ihr Frühstück, schenken ihnen Kaffee und Marmelade aus unserem Carekörbchen.
Jetzt geht es auf die andere Seite des Aber und wieder zurück zum Meer, yippieh! Kurz bleiben wir bei der Auberge Bel Air hängen: so ein schönes Gebäude, so ein schöner Garten, so ein schöner Blick. Also, sollten wir nochmal herkommen, werden wir dort auf jeden Fall übernachten und speisen. Die Südseite des Aber ist ähnlich der Nordseite, allerdings ist jetzt Ebbe und wir blicken auf schlammigen Grund. Und ja, hier sind Vögel zu sehen 😉 Und zwar jede Menge.

Heute ist wieder ein ganz gemütlicher Tag, laut Komoot laufen wir circa 12 km, am Ende sind es wie immer deutlich mehr, weil wir einfach jede Felsnase mitnehmen. Trotzdem sind wir bereits am Nachmittag an der Plage de Melon, circa eine Wanderstunde von unserer Unterkunft entfernt.

Wir machen Halt im Le Chenon, einer Mischung aus Literaturcafé, Galerie, Konzertsaal und Restaurant. Das ist ganz nach meinem Geschmack: Zum einen, weil es ein besonders schöner Ort ist: direkt an der Bucht gelegen, man sitzt windgeschützt mit Blick aufs Meer. Es ist heimelig nett eingerichtet, die Serviceleute und die Gäste wirken sehr entspannt und ich mag diese Mischung aus Kulturcafé und leckeren Speisen. So, genug geschwärmt. Wir haben hier vor allem ein logistisches Problem. Essen wir hier, müssen wir bis 19 Uhr warten. Trinken wir jetzt einen Kaffee, müssen wir uns noch etwas fürs Abendessen suchen, schwierig vor 19 Uhr. Also ruft Kerstin bei unserer Unterkunft an und fragt, ob es okay ist, wenn wir gegen 21 Uhr kommen. Mais non, das möchte Madame auf gar keinen Fall, man müsse ja früh ins Bett. Tja, wir haben Verständnis und essen also nur Toast mit Dips und werden damit bis morgen durchhalten (müssen).



Die letzte Stunde laufen wir ganz entspannt am Meer entlang immer in die untergehende Sonne hinein. Teilweise führt der Sentier direkt an der Hafenmauer entlang, bei Flut dürfte das schwierig werden. Unsere Unterkunft liegt südlich von Porspoder, circa 20 Minuten vom Meer entfernt. Wir laufen einen schmalen Weg in das kleine (Vor-)Örtchen und werden schon erwartet. Mary und ihr Ehemann bitten uns hinein, wir dürfen uns an den Esstisch setzen und smalltalken. Okay, machen wir. Beide sind schon etwas älter und noch nicht so lange Gastgeber, so scheint es.

Bevor wir schlafen gehen, laufen wir noch eine Runde durch das Örtchen. Hier ist wirklich nichts los, es ist mehr eine Ansiedlung als ein Ort.
Und dann entdecken wir mitten auf einer Wiese Dolmen und Menhire, Obelix hätte seine Freude! Ich muss gleich mal nachschauen, was was ist. Also: Dolmen sind Grabstätten aus aufrecht stehenden Megalithen, die mit einer Steinplatte bedeckt sind. Menhire hingegen sind Hinkelsteine – ha! Abgeleitet aus dem bretonischen men = Stein, hir = groß. Soweit so historisch. Wir machen noch ein paar Fotos für die Zuhausegelassenen und fallen dann ins große (!) Bett.
Tag 8: Von Porspoder nach Portsall

Am Morgen plaudern wir noch kurz mit unseren Gastgeber:innen und schon geht es zurück auf den Wanderweg. Heutiges Ziel: Portsall. Wir laufen den gleichen Weg zurück zum Meer, vorbei an bretonischen Natursteinhäuschen und alten Steinmauern. Über uns dieser wunderbar blau verwaschene Himmel. Wir geraten schon wieder ins Schwärmen. Manche Häuser sind schon etwas verfallen, da braucht es wohl ein paar handwerklich begabte Menschen. Ich frag mal bei meinem Liebsten nach, ob wir nicht … Zweitwohnsitz … ? Er scheint noch nicht überzeugt.




Kaum sind wir direkt an der Küste, stehen wir auf einmal vor einer Pferdeweide: Haflinger grasen hier friedlich, wow, die haben ja einen tollen Blick aufs Meer! Die Strecke ist aber auch besonders schön mit den vom Meer abgeschliffenen Felsblöcken und vorgelagerten Felsinseln – ich vermute mal, das sind die Inseln Ouessant und Molène. Manchmal sieht es hier geradezu futuristisch aus, kein Wunder, wir sind schließlich am Ende der Welt im Finistère. Von den weißen Stränden der letzten Tage ist hier nichts mehr zu sehen.



Mittags trinken wir einen Kaffee im Café l’Océan. Hier sitzen nur Einheimische, so vermuten wir, eine echte Bar Tabac. Jetzt möchte ich mal wissen, ob es hier nicht besseren Kaffee gibt und frage, was der Unterschied zwischen Café Crème und Capucchino ist. Der Mensch hinterm Tresen preist seine ganz besondere Maschine an – dieser Capucchino sei überhaupt der beste. Was der Unterschied ist, erfahre ich nicht – ich warte mal auf die Geschmacksprobe. Und dann kommt so ein Heißgetränk im Plexiglasbecher. Den Schaum könnte man mit dem Messer schneiden und die Kakaokunst, naja. Der Kaffee schmeckt übrigens auch nicht besser, kostet aber doppelt so viel. Wir bestellen gleich noch einen Café Crème hinterher. Da weiß frau, was sie hat.
Am Rande unseres Wanderwegs liegt die Chapelle de Saint-Samson aus dem 17. Jahrhundert – ein lustiger Zungenbrecher, den wir mehrmals laut ausprobieren: sänsonson – sönsonson – sänsonson. Hihi. Die winzige Kapelle gilt übrigens als die am häufigsten fotografierte Kapelle Frankreichs. Sie wird offenbar bis heute hoch verehrt, wie ich später lese. Vor allem Eltern kommen hierher und bitten um Kraft und Stärke für ihre Kinder.



Weiter geht’s auf dem GR 34, schon wieder ändert sich die Landschaft. Wir sind ganz froh, dass wir nicht ständig hoch und runter laufen müssen.


Heute ist übrigens mal wieder Badetag: Wir schwimmen an der Plage de Trémazan – schon wieder so eine weite Bucht mit weißem Sandstrand und glasklarem Wasser – paradiesisch! So langsam gewöhne ich mich an das kalte Wasser … und nach einem kühlen Bad läuft es sich irgendwie beschwingter!

Am späten Nachmittag erreichen wir Portsall und suchen erstmal unsere Unterkunft. Die Lage: direkt an einem Kreisel. Die Umgebung: Nix hübsch bretonisches, typischer Vorortcharme. Und die Unterkunft? Alles in schwarz-weiß-grau: Handtücher, Bettwäsche, Vorhänge … da passt sich sogar die Fliege an ihre Umgebung an. Wir springen nur kurze unter die Dusche und verlassen schnell wieder diese monochrome Umgebung.
In fünf Fußminuten sind wir nicht nur in dem kleinen hübschen Hafen von Portsall, sondern entdecken auch noch das von unserer Vermieterin empfohlene Fischrestaurant. „Aber unbedingt reservieren!“ lautet ihre Empfehlung. Wir sind – wie immer bockig –, wollen erstmal nachschauen, ob es uns wirklich gefällt.

Und das tut es: L’Abéric ist winziges bretonisches Häuschen mit Außenbereich, spezialisiert auf Räucherfisch und Meeresfrüchte der Iroise. Hihi. Natürlich werden wir gefragt, ob wir reserviert haben und schütteln leicht beschämt den Kopf. Oh, sagt der Chef, da haben Sie Glück, wir haben noch einen Platz für zwei. Yeah! Und wieder schmeckt das Essen köstlich, sogar meinen Lieblingswein – den Entre deux Mers – gibt es hier.
So überstehen wir auch die schwarz-weiße Nacht.
Restauranttipp in Portsall: L’Abéric
Tag 9: Von Portsall nach St. Pabu

Nach einem mittelmäßigen Mahl im Frühstückssalon unserer Unterkunft gehen wir erstmal schnell in den Supermarkt gegenüber, wir brauchen noch ein bisschen Proviant.

Ich stöbere kurz in der Presseabteilung und entdecke diesen Titel: Ja, warum wollen alle in der Bretagne leben? Also wir zwei wissen das ganz genau!
Heute ist schon wieder so ein „Ah-und-Oh-Tag“ – wir laufen Dünen auf und ab, vorbei am „Cairn de l’île Carn“, einem dolmenähnlichen Grabhügel, der als historisches Denkmal geschützt ist. Ein mythischer Ort an der Finistere-Küste, behauptet zumindest die Schautafel, immerhin 6.000 Jahre alt.
Wir lesen ebenfalls nach, dass auf der Insel Carn einer Legende zufolge der grausame Herrscher Karn lebte, der alle seine Barbiere ermorden ließ, damit niemand entdeckte, dass er Pferdeohren hatte: „Bis zu jenem Tag, an dem einer von ihnen es vorzog, dem Herrscher beim Rasieren die Kehle durchzuschneiden, anstatt das Schicksal seiner Vorgänger zu teilen“, so steht es auf der Schautafel. Brrr, schnell weg hier.
Unsere Wanderung führt uns nun in die Bucht von Tréompan, mit einem drei Kilometer langen weißen Sandstrand und einer irren Dünenlandschaft! Ein Traumstrand reiht sich an den nächsten. Irgendwann ziehen wir die Wanderstiefel aus und laufen barfuß weiter – wunderbar!



Zwischendurch machen wir noch einen Abstecher Richtung Lampaul-Ploudalmézeau, laufen gefühlt stundenlang durch die Dünen und finden das einzige Café im Ort. Den Kaffee hätten wir uns sparen können … as always. Inzwischen ist es richtig hochsommerlich warm geworden und wir kommen ordentlich ins Schwitzen.




Am Abend erreichen wir dann unsere Unterkunft in St. Pabu, ein Fertighäuschen mit großer Holzterrasse, sehr geschmackvoll eingerichtet. Unser Gastgeber zeigt uns alles ausführlich, so, als würden wir hier mindestens eine Woche bleiben … Also dieses hübsch eingerichtete Häuschen ist unsere Lieblingsunterkunft Nummer 2! Und gleich im Ort um die Ecke gibt es eine Crêperie, formidable. Die Crêpes sind megalecker und wir sitzen offenbar zwischen lauter Einheimischen.
Mein Tischnachbar – ein älterer Franzose, leicht angesäuselt – nimmt dann auch gleich mal Kontakt auf und freut sich, dass wir französisch sprechen. Er kann es kaum glauben, dass wir hier zu Fuß rumlaufen, da muss er erstmal noch ein Glas trinken oder besser gleich zwei. Seinem Kumpel ist das sichtlich unangenehm. Irgendwann zieht er den lallenden Bretonen aus dem Laden und wir haben unsere Ruhe. Alle um uns herum sind sichtlich amüsiert.
Wir bleiben tiefenentspannt, essen unseren Dessert-Crêpe und spazieren zurück in unser wunderbares Häuschen. Wo sich, wie sich herausstellt, auch die Mücken pudelwohl fühlen. Die Nacht wird etwas unruhig.
Tag 9: Von Saint Pabu nach Tréglonou

Auf der Karte sieht man zwei Dinge: 1. Unsere Tour führt uns mal wieder an einem Aber entlang, also einem tief ins Land reichenden Meeresarm. Da müssen wir lang, denn in Tréglonou ist unsere letzte Unterkunft, bevor wir wieder nach Brest zurückkehren! 2. Dort wo es eigentlich nach Tréglonou ginge, sind wir stattdessen zurück Richtung Meer gelaufen. Verwirrung oder Verirrung? Nein. Das Wetter ist einfach zu schön und wir wollen unbedingt nochmal baden gehen. Und uns vom Meer verabschieden. Außerdem ist diese vorletzte Strecke nicht so lang, also gönnen wir uns diesen Schlenker.
Vorher frühstücken wir noch in der örtlichen Bar Tabac, wo uns der Inhaber die allerköstlichste Brombeermarmelade kredenzt. Natürlich selbstgemacht! Und der Kaffee schmeckt auch einigermaßen! Dann also zurück ans Meer bzw. dorthin, wo der Aber ins offene Meer übergeht.



Hier bleiben wir tatsächlich bis zum Nachmittag, schwimmen, lesen und genießen die Sonne.
Dann geht es wirklich zurück, nur noch neun Kilometer, immer am Wasser entlang. Bei knallblauem Himmel sieht die Landschaft gleich ganz anders aus. Es geht rauf und runter durch den Wald, mal direkt am Wasser entlang, mal über Wiesen und felsige Küstenabschnitte. Es ist Ebbe, der Boden ist trocken. Die Landschaft rund um den Aber ist schon etwas ganz Besonderes – so anders als die offene Küste.

Das letzte Stück führt durch den Wald. Es ist zwar warm, aber die Stimmung ist herbstlich. Vermutlich liegt das an den vielen Maronen, die auf dem Waldboden liegen. Unsere Gastgeberin hat uns eine Crêperie empfohlen, etwas anderthalb Kilometer vor unserer Unterkunft, dort werden wir einkehren. Dieses Mal haben wir tatsächlich reserviert, denn in der Nähe gibt es keine Alternative.

Wir laufen noch ein ganzes Stück durch den Wald, bis wir unser Zwischenziel erreichen: Das Manoir de Trouzilit, ein historisches Herrenhaus aus dem 16. Jahrhundert. Drumherum gibt es jede Menge Nebengebäude, darunter Pferdeställe, eine Reitbahn, Appartements und einen kleinen Hofladen, in dem wir schnell noch ein Stück Käse fürs nächste Frühstück kaufen. Das scheint hier eine Art Ferienanlage für naturliebende Pferdefans zu sein, alles sehr hübsch und gepflegt. Kurz fragen wir uns mal wieder, warum wir uns nicht hier eingemietet haben. Aber wir wollen ja nur was essen und setzen uns ganz entspannt mit einem Cidre vor die Crêperie, bis sie öffnet.

Die Gaststube ist sehr gemütlich, ein bisschen rustikal. Und die Crêpes sind erstaunlich günstig und erstaunlich klein, sodass wir uns einen nach dem anderen bestellen, bis wir endlich satt sind. Dann machen wir uns auf den Weg und das ist gut so, denn langsam dämmert es und keine von uns möchte im Dunkeln durch den Wald laufen.
Tatsächlich kommt uns auf der Strecke ein sehr großer, sehr blasser Typ entgegen, dessen Erscheinung uns hier im Wald ein bisschen Angst macht. Was will der hier? Inzwischen ist es fast ganz dunkel, und vor uns liegt auch noch ein schmaler, von Efeu umrankter und von Hecken gesäumter Weg. Wir sind beide richtig froh, als wir endlich unbeschadet raus aus dem Wald sind und auf eine größere Straße kommen.
Unsere Gastgeberin hat uns schon erwartet (vielleicht weiß sie, dass hier nachts merkwürdige Typen rumschleichen?). Heute Nacht schlafen wir jedenfalls in der oberen Etage eines Einfamilienhauses, vermutlich haben hier bis vor ein paar Jahren die Kinder unserer Vermieterin gewohnt, zumindest sieht die Einrichtung so aus. Wir schlafen unruhig, die Betten sind schmal, es ist zu warm und wir werden von Mücken gepiesackt.
Tag 10: Von Tréglonou nach Brest

Heute morgen sind wir beide nicht gerade bester Laune: Die Nacht war kurz und wir möchten eigentlich noch weiter am Meer entlang laufen. Außerdem haben wir noch keine Lösung für den Rückweg nach Brest. Eigentlich wollten wir eine Teilstrecke mit dem Bus fahren. Aber heute ist Sonntag, es ist keine Saison und Bushaltestellen sind hier nicht sehr dicht gesät. Würden wir es schaffen, die ganze Strecke (fast 30 Kilometer!) zurückzulaufen? Oder lieber trampen? Aber zunächst müssen wir circa zehn selbstgemachte Marmeladen probieren, die Madame uns begeistert präsentiert – natürlich möchte sie wissen, welche wir am besten finden (Natürlich Brombeer). Wenigstens gibt es genug Kaffee, der einigermaßen schmeckt.
Und dann laufen wir einfach los durch das ländliche Hinterland des Finistère, vorbei an Feldern, kleinen Wäldern und Bächen. Wir sind immer noch in der Natur, das Wetter ist schön, die Laune steigt. In Bourg-Blanc – das ist ungefähr die halbe Strecke nach Brest – kaufen wir ein bisschen Proviant und setzen uns mit einem Kaffee auf ein Mäuerchen mit Blick auf den Stadtweiler. Ja, hier gibt es eine Bushaltestelle, aber ob es einen Bus gibt, finden wir nicht heraus. Da wir noch ganz munter sind und die weitere Strecke auch schön aussieht, laufen wir einfach weiter.



Langsam wird es anstrengend, es ist ganz schön warm und mir tut die Schulter weg. Jetzt ist auch Schluß mit weichen Waldwegen, teilweise laufen wir durch Ortschaften, ein Stück auch an der Straße entlang.
Und dann entdecken wir tatsächlich eine Bushaltestelle in Bohars. Kaum haben wir die Haltestelle entdeckt, kommt auch schon ein Bus. Und der fährt tatsächlich nach Brest. Ich renne um die Ecke, Kerstin hinterher. Wir haben Glück, die nette Busfahrerin hat uns gesehen und wartet auf uns. Welch ein Glück! Wir glauben es kaum und fallen erschöpft auf die Sitze.
Jetzt ist alles ganz entspannt. Wir fahren in die Stadt, steigen nochmal in eine Tram um und laufen das kurze Stück zu unserem Hotel. Wow, welch ein Tag!



Wir sind wieder im gleichen Hotel, wie in unserer ersten Nacht, dieses Mal mit Blick auf die Platanenallee statt nach hinten raus auf die Baustelle. Auch dieses Zimmer ist hübsch und sauber. Nach der obligatorischen Dusche laufen wir noch ein bisschen durch die Stadt und suchen etwas länger nach einem offenen Restaurant. Sonntags haben in Frankreich die meisten Restos geschlossen, hätten wir ja wissen können. Also noch ein bisschen rumlaufen. Irgendwann werden wir fündig. Abschlussessen beim Italiener, aber lecker.
Und am Ende sind wir heute dann doch fast 30 Kilometer gelaufen. Naja, 28. Oder 26. Jedenfalls viel!
Am nächsten Morgen gehen wir früh zum Bahnhof, um dann entspannt den Rückweg anzutreten. Und tatsächlich klappt alles super: wir steigen dieses Mal in Paris direkt in die Métro und haben noch Zeit am Paris Est einen Kaffee zu trinken und Proviant für die Rückfahrt zu kaufen.
Unser Fazit? Schön war’s! Wir würden am Liebsten mal soviel Zeit haben, um den ganzen GR 34 zu laufen. Aber wie lange braucht man für 2.000 Kilometer? Vielleicht erstmal dort weiterlaufen, wo wir aufgehört haben. Die Strecke von Saint Pabu nach Roscoff soll auch sehr schön sein. Und schon sind wir wieder in der Planung …


3 Gedanken zu „Mädelswandern in der Bretagne“
So schön, wie Du es beschrieben hast, war‘s wirklich! Danke liebe Suse!
Danke, liebe Kerstin! Wir sind einfach ein super Team 🙂
Liebe Suse, liebe Kerstin,
da bekommt man beim Lesen wirklich gleich selber Lust zum Wandern und auf die Küste in der Bretagne – das war bestimmt eine wunderschöne Tour! Vielen Dank für’s dran teilhaben lassen!
Bisous, Heike