Von offenen Türen und ungeputzten Badezimmern

Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere. In letzter Zeit denke ich öfter über dieses Sprichwort nach. Wieviele Türen hat so ein (symbolischer) Raum eigentlich? Was, wenn sich mehrere Türen schließen und viele andere öffnen? Klingt vermutlich hektisch und laut. Oder öffnen sie sich leise und unbemerkt?

Zwischen Abenteuerfreude und Sorgenfalten

Okay, Schluss mit den Türen. In diesen politisch unruhigen und beunruhigenden Zeiten verändert sich auch unser Alltag gerade unglaublich rasant. Größte Veränderung: Kind 1 zieht aus. Ich habe es ja kommen sehen, aber wohl nicht glauben wollen. So zumindest fühlt es sich an. Schon während der Schulzeit wollte die Große weit weg. Nach dem Abi in Kanada Film studieren war nur eine von diversen Ideen. Damals machte ich mir noch nicht so viele Sorgen, war eher mit der (Nicht-)Machbarkeit beschäftigt. Während ich noch kanadische Filmhochschulen recherchierte, hatte das Kind längst neue Pläne, eine mehrmonatige Reise durch die USA gehörte auf jeden Fall auch dazu. Ich schwankte zwischen Abenteuerfreude und Sorgenfalten. Soll sie doch die Welt erobern und all das machen, was meine Mutter mir sorgenvoll verbieten wollte. Und dann auch: Ogottogott, mit 18 allein in der Welt – wie soll das bloß gehen?

„Hey, ich bin Studentin!“

Am Ende ging alles gut. Das Kind war ein paar Monate unterwegs und kehrte wohlbehalten mit einem Sack Erfahrungen zurück. Und zuhause war alles wie immer: Alltagsnervereien à la „putz jetzt endlich das Badezimmer“ oder „jetzt überleg dir endlich, was du mit deiner Zukunft anfangen willst“. Es passierte: Nichts. Nach einem Jahr Auszeit, fing das Kind immerhin an zu studieren. In Bremen übrigens und nicht in Kanada. Nach dem Erstsemesterrausch („Hey, ich bin eine Studentin“ ) folgte schnell die Ernüchterung über das Studienfach („Viel zu theoretisch, nicht mein Ding!“). Irgendwann kam dann, mütterlich gepusht, die Erkenntnis, diese sinnlose Energie doch lieber in die Suche nach einer echten Alternative umzuwandeln. Und siehe da, so langsam keimte eine Idee. Und diese Idee fruchtet tatsächlich – im nächsten Monat startet sie ein neues Studium und das wird richtig gut, davon bin ich überzeugt. Zwar nicht in Kanada, aber auch ganz schön weit weg.

Alles geht wieder von vorne los

Es wird also ernst. Vorbei die Badezimmer- und Zukunftsdiskussionen. Stattdessen: Besuche an Feiertagen, Facetimetelefonate und hoffentlich gelegentliche Familienkurztrips. Traurig drücke ich meine Erstgeborene und versuchte, zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Das klappt am besten mit Ablenkung. Ich schau den Bruder an und sage „Wie gut, dass DU noch hier bist“. Er rollt mit den Augen und droht: „Nicht mehr lange!“. Da kommen wir schon zur nächsten Veränderung: Kind 2 wird Abi machen? Kind 2 wird Abi machen!! Es geht alles wieder von vorne los. Ich kann also die Auszugverarbeitung von Kind 1 direkt umlenken auf das „Wohin nach dem Abi“ von Kind 2. Wie wäre es denn mit einem Filmstudium in Kanada? Ich hätte da bereits ein paar Fakten recherchiert. Bitte auf keinen Fall das falsche Studium auswählen. Und wie sieht denn das Badezimmer schon wieder aus? Kind 2 setzt die Kopfhörer auf und wendet sich den wirklich wichtigen Dingen zu. Schade, ich bin gerade so richtig in Fahrt. 

Schluß mit der Zukunftsplanung?

Auch der beste Ehemann zieht die Bremse. Reicht jetzt mal mit der Zukunftsplanung. Wird schon werden. Das ist mir entschieden zu viel Zuversicht – also stürze ich lieber in die weiteren Veränderungen. Ja, auch meine berufliche Zukunft hat einen Kick bekommen. Durch Einsparungen im öffentlichen Haushalt wurde meine Teilzeitstelle weggekürzt. Ab sofort bin ich wieder Vollzeit selbstständig und darf meinen eigenen Berufsalltag neu gestalten. Es wird also nicht langweilig. Und jetzt kommen wieder die Türen ins Spiel. Die offenen und die geschlossenen. Die könnten doch mal gestrichen werden. Also erst der Umzug, dann das Abi und anschließend die Türen. Und natürlich die berufliche Karriere. Es gibt noch viel zu tun.

Aber jetzt muss ich erstmal meine Tochter ganz dolle drücken.

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